Käpälämäki - Ich liebe eine Wildnishütte

Aktualisiert: 29. Juni 2020

Zu Hause war für mich lange Zeit ein Ort der Geborgenheit, ein Ort an dem ich sicher sein konnte, dass alles seinen gewohnten Lauf nehmen würde. Mein Elternhaus war zu Hause. Die Familie, so hatten es mir meine Eltern dankenswerter Weise die ganze Kindheit hindurch vermittelt, ist der Ort, an den ich immer wieder würde zurückkehren können, egal was kommt. Doch mit dem Auszug von zu Hause, wurde meine Auffassung, was zu Hause ist, verunsichert. Zu Hause war nicht länger der Ort, von dem ich gekommen war, sondern die Sehnsucht nach einem Ort, den ich noch nicht kannte.


Langsam gibt der Morgennebel den Fluss frei, der den Tag über die eine Seite der Seele von der anderen trennt.


Über den Fluss


Ich lasse das Boot langsam ins Wasser gleiten und suche Halt zwischen Seggen und Schilf. Dort drüben auf der anderen Seite des Flusses befindet sich unsere Mökki. Eine kleine Blockhütte, flussabwärts unter Lapplandkiefern und Fichten. Etwa einen Kilometer Flussfahrt liegen vor uns. Nicht viel, aber weit genug, um in die Ruhe einzutauchen, die den Taigawald umgibt. Den Alltag hinter sich lassen, all die auf Schnelllebigkeit fokussierten Gedanken ruhen lassen. Ausspannen. Während Rebecca mit den Kindern im vorderen Teil des Bootes Platz nimmt, setzte ich den, etwas in die Jahre gekommenen, Mariner Vierzylinder 5PS Außenbordmotor, in Gang. Die leichte Übermotorisierung lässt das finnische Ruderboot laufruhig durch das Wasser gleiten und hebt den Bug, samt Familie und Gepäck, in die Luft.

Da ist sie, die Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Das Versprechen auf Selbstbestimmtheit, Naturnähe und Reduktion, das wir von den hochglanz Hüttenfotos der Coffee-Tabel-Bücher kennen, denen wir jedes Mal begegnen, wenn wir durch Berliner Szenebezirke bummeln. Jeder kennt sie, die cabinporns der Überflussgesellschaft.

Meine Ansichten gegenüber einem Aufenthalt in der Hütte, mit dem Ziel richtig auszuspannen, haben sich bei jeder Überfahrt differenziert. Wenn ich eines sicher behaupten kann, dann das: Die Hütte in der Wildnis ist kein Ort zum Faulenzen. Ständig gibt es etwas zu tun. Das freie Leben will organisiert sein. In unserer Wildnishütte gibt es keinen Strom, wir kochen auf einem Holzherd und lassen, Eimer für Eimer, den Brunnen hinab für frisches Wasser. Es wird gesägt, gehackt, getragen, geschürt, gespalten, gegossen, umgefüllt und verschüttet, gefegt und gewischt. Es wird geschraubt, genagelt, gestrichen, repariert, wir planen den Einkauf, befeuern die Sauna, bringen den Müll über den Fluss zur Sammelstelle der Gemeinde. Wir legen viele Kilometer zu Fuß, mit dem Boot oder dem Auto zurück. Auch das ist Hüttenleben. Und es ist wunderschön. Es fühlt sich gut an, Dinge zu tun, die das Leben in der Wildnis erst ermöglichen.


Es gibt immer etwas zu tun. Auch in der vermeindlichen Wildnis bringt man den Müll zur Sammelstelle der Gemeinde.


Ankunft


Das Boot verliert an Fahrt. Während der Motor verstummt, versuche ich ihn mit dem Gashebel wieder auf Touren zu bringen. Rebecca sucht, mit fragender Miene, meinen Blick. Jakob und Suvi beobachten eine kurzhalsige Schellente, die in sicherer Entfernung, an uns vorbei zieht. Ich frage mich, ob sie am Flussufer nahe der Hütte, in der von uns, an eine alte hohe Kiefer aufgehängten Bruthöhle, ihre Jungen großzieht. Unmittelbar nach dem Schlüpfen veranlasst die Mutter, mit ihrem garrenden Ruf, ihre Jungen zu einem beherzten Sprung, bis zu zehn Metern, in die Tiefe und somit in eine neue Phase ihres noch jungen Lebens. Den Sprung ins kalte Wasser, unsererseits, kann ich durch herausziehen des Choke glüklicherweise abwenden.


Die Hütte in der Wildnis ist kein Ort zum Faullenzen.

Wir erreichen das Ufer unterhalb der Hütte und betreten Käpälämäki unseren geliebten Streifen Wildnis, dessen Name, das abrupte Ändern der Richtung im schnellen Lauf, bezeichnet, mit dem der Hase die Absicht verfolgt, den Jäger zu täuschen. Wir sind zu Hause!


Käpälämäki: In den Ort und die Hütte haben wir uns sofort verliebt. Der Prototyp einer Log-cabin oder ein traditionell finnisches Mökki in Lappland. Für uns unser zu Hause.


Ein neuer Ort ist zugleich eine Verheißung. Er kann der Anfang sein oder das Ende. Es gibt Orte, die laden ein sie zu verlassen, anderen wohnt die Möglichkeit inne für immer zu bleiben.

Zu Hause


Ich ziehe das Boot an Land. Jakob verknotet ein Ende der Bugleine mit einem alten, in die Grasnarbe eingeschlagenen, Haken und sichert unser, für die nächsten Wochen, wichtigstes Fortbewegungsmittel. Rebecca und Suvi stehen schon oben am Treppenabsatz unserer Hütte und hängen die signalfarbenen Schwimmwesten an einen der Balken, die unsere zweite Heimat hier oben im Norden Europas trägt. In den nächsten Stunden werden wir uns einrichten, um ein modernes Leben zu führen, das etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Einen Plastikkanister mit bleifreiem Benzin haben wir auch dabei, für unser Stromaggregat. Denn all unsere mitgebrachten technischen Errungenschaften, wie Smartphone, Laptop, Tablett, Digitalkamera und Drohne wollen durchflossen werden von elektrisch geladenen Teilchen, um ihre Aufgabe präzise zu erfüllen. So wie der Fluss, die uns umgebende Landschaft, getreulich am Leben erhält, indem das Wasser im immer währenden Kreislauf sein Flussbett füllt. Das macht er so seit der letzten Eiszeit, auch wenn er seit einigen Jahren zwölf Staustufen passiert. Sie sind ausgestattet mit großen Turbinen, die dafür sorgen, dass sich elektrische Energie in die umliegenden Gemeinden verteilt. In Käpälämäki sehe ich darin keinen Widerspruch. Manchmal liegen Wildnis und Zivilisation gar nicht so weit auseinander und finden auf erstaunliche Weise Kollaborationen. Nicht immer im Guten, aber eines ist sicher: Wildnis und Zivilisation gehören seit Menschengedenken zusammen! Die Natur hält für jede Lebensweise und jeden Lebensstil einen Ort bereit, den es zu finden gilt. Ich habe ihn gefunden. Das Leben in Käpälämäki zeigt mir, wie ich ohne Widerspruch ein Leben leben kann, das meine Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit, Naturnähe und Reduktion stillt, auch wenn ich aus der Wildnis wieder ausbreche. Der Aufenthalt in der Hütte hält dem Leben den Spiegel vor. Ich weiß jetzt, dass sich meine Sehnsüchte und Bedingtheiten - Zivilisation und Wildnis - nicht ausschließen. Deshalb wurde Käpälämäki für uns ein zu Hause. Hier haben wir gelernt unsere Widersprüche anzunehmen. So gibt es sogar noch viel Zeit zum Ausspannen und Träumen. Dafür liebe ich es!


Das Boot am Ufer des Kitinen wartet auf die nächste Überfahrt



#mökkihüttenleben



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